Dortmunder Schwarzbräu - selbst gebraut Foto: Guido Meincke

Gut Ding will Weile haben – Bierbrauen als Kunstprojekt

Von ,

Sicher ist die Craft-Beer-Bewegung aus den USA mit Auslöser, dass hierzulande immer mehr Menschen anfangen, in ihrer Freizeit Bier zu brauen, ob in der Garage, im Kabuff oder Gartenhaus. In Dortmund ist aus dem gemeinsamen Wunsch, sich in der Braukunst zu versuchen, ein Nachbarschaftsprojekt entstanden.

Dortmunder Schwarzbräu - selbst gebraut (c) Guido Meincke c/o Borsig11 e.VFrank Bölter hatte es vorgeschlagen. Der Künstler war im Rahmen eines außergewöhnlichen Projekts an den Borsigplatz gezogen: „Public-Residence: Die Chance“ basiert auf einer Kunstwährung, die an die Quartiersbewohner ausgegeben wird und echte Euros wert ist. Der Geldwert kann sich aber nur in einem gemeinschaftlichen Projekt entfalten.

Diese Bedingung hatten vorher die geldgebende Stiftung und der austragende Verein gesetzt.* Bölter war also darauf angewiesen, bei Nachbarn ganz unterschiedlicher Façon und Herkunft den gemeinsamen Nenner zu finden. Und welcher war’s dann? Die Liebe zum Bier natürlich!

Dortmunder Schwarzbräu - selbst gebraut (c) Guido Meincke c/o Borsig11 e.V.Und so fand man sich Mitte Dezember letzten Jahres am Kleinen Borsigplatz ein und feuerte den Sudtopf an. Hier wird auch sonst gern Bier gekostet. Defacto ist das idyllische Oval unter den hohen Kastanien unweit des berühmten großen Borsigplatzes Treffpunkt all derer, die am liebsten den ganzen Tag lang Bier trinken. Gegenüber ist auch gleich ein Kiosk, wo es Billig-Bier zu kaufen gibt.

Natürlich wurde Bölter für die Auswahl des Brauplatzes kritisiert. Zynisch sei das. Bölters argumentiert: „Erstens lernt man beim Bierbrauen Geduld, denn bis das Bier reif ist, vergehen Wochen. Zweitens gewinnt man beim Selberbrauen ein Stück weit die an die Sucht abgegebene Verantwortung für die eigene Person durch die gewonnene Portion Selbstermächtigung zurück. Nicht zuletzt ist es meine Aufgabe, Menschen zusammenzubringen, die sich sonst eher aus dem Weg gehen.“

Überzeugt: Der ortsansässige Verein Brautum erklärte sich bereit, die “Dortmunder Schwarzbräu – Selber Brauen” genannte Aktion mit dem nötigen Brau-Equipment zu unterstützen: Neben Brau- und Läuterbottich verlieh man auch ein Thermometer, ein zum Bottich passendes Sieb und einen Ablasshahn.

Dortmunder Schwarzbräu - selbst gebraut (c) Guido Meincke c/o Borsig11 e.V.Schaubrauleiterin war niemand geringeres als Jana Erlenkamp, ihres Zeichens angehende Diplom-Braumeisterin. [An der TU Berlin (auch in München) gibt es den Studiengang Brauerei- und Getränketechnologie, bei dem man alles über die tiefgründigen chemischen Vorgänge beim Bierbrauen lernt.]

Beim Blick auf die Teilnehmer empfahl Erlenkamp ein untergäriges leichtes Schwarzbier folgender Rezeptur. Ihre Zutaten für 27-28 Liter konnten mit „Chancen“ gekauft werden:

Malz Hopfen Hefe
5,5 kg Malz Bitterhopfen 15% 11,5 gr Hefe W3470
0,65 kg Dortmunder Malz Typ I 12 gr Northern Brewer Wasser
0,21 kg Röstmalz Typ II 18 gr Tettnanger 4,4 % Ako 25 l Hauptguss
12 gr Tettnanger MA Hopfen 15 l Nachguss

Dortmunder Schwarzbräu - selbst gebraut (c) Guido Meincke c/o Borsig11 e.VAls das Wasser vom Gasbrenner endlich auf 55 °C Wasser erhitzt war, rührte die Braumeisterin die geschrotete Gerste ein. Später tauchte noch ein Anwohner auf: Im Knast habe er siebeneinhalb Jahre lang selbst immer Bier gebraut. Bei der nächsten Aktion soll sein Rezept für das “Knast-Bier-vom Borsigplatz” sorgen. Wieder ein anderer Nachbar brachte Malzmyrrhe mit, bekannte sich einer Zusatzausbildung zum Biersommelier.

Inzwischen ward der Hopfen gerupft, das Malz aufgerieben. Es kam als erstes, dann der Hopfen hinein. Rühren. Nach Ablass des Suds in das Gärgefäß packte ein anderer Nachbar wortlos den übriggebliebenen Brauteig ein und kehrte unverhofft mit daraus gebackenen Brötchen zurück! Da ward auch schon die Hefe angerührt und in den schnell abkühlenden Sud gekippt. Nachgießen, ruhen lassen!

Anfang Mai wurde das Dortmunder Schwarzbräu-Bier an Ort und Stelle abgefüllt (Foto: Isabelle Reiff)Fertig war das Biergebräu um 18 Uhr. Sechs Stunden hatte es gedauert, dann reifte es wie das neue Gemeinschaftsgefühl, das unter den Nachbarn beim Bierbrauen unweigerlich aufkam. Monate später die Abfüllung in Flaschen, eine Woche darauf die Verkostung: Ein Bier, viel frischer und lebendiger als die erhältliche Massenware, mit mehr Schwebstoffen und intensivem Aroma. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Deutsche Bierbrauer sind auf der ganzen Welt gefragt, erst recht die aus der Traditionsbierstadt Dortmund ...

 

 

* Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft und Machbarschaft Borsig11 e.V. - Fotos: Guido Meincke

Zurück zur Übersicht
Bewertungen
(18 Bewertungen)

Kommentare (0)

Kommentieren